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Geschichte der Erziehungswissenschaften

Geschichte eines jungen und innovativen Studienfachs

Über Erziehung wird schon seit der Antike eingehend nachgedacht. Ein Pädagoge folgte auf den anderen, sie stellten sich Fragen und veröffentlichten ihre Theorien, die jedoch von keinerlei Forschung untermauert wurden.

Im 17. Jahrhundert machte Comenius als erster auf die Notwendigkeit einer empirischen Pädagogik aufmerksam. Doch erst im 19. Jahrhundert gab es am Lehrstuhl für Psychologie und Pädagogik in Königsberg (Ostpreußen) eine empirische Schule. Somit erlebte die wissenschaftliche Einstellung zur Erziehungsforschung einen wahrlich großen Aufschwung.

Im Jahre 1912 wurde in Genf ein Institut für Erziehungswissenschaften gegründet und in den 60er Jahren wandelten manche Universitäten außerhalb Frankreichs ihre Fakultäten für Erziehung in Fakultäten für Erziehungswissenschaften um.

In Frankreich boten ab 1967 drei Universitäten, nämlich Bordeaux, Caen und Paris, in ihren Fakultäten für Geisteswissenschaften einen Studiengang für Erziehungswissenschaften an.

Zunächst waren die Erziehungswissenschaften fest in vier initialen Studienfächern verwurzelt: in der Philosophie, der Soziologie, der Psychologie und der Geschichte. Nach und nach eröffneten sie sich auch anderen Feldern wie zum Beispiel der Wirtschaft, der Gesundheit, den kognitiven Wissenschaften und anderen Forschungsbereichen wie der Bildung oder den Tätigkeiten und Praktiken im Berufsleben.

Seitdem wurden es immer mehr Forschungsstandpunkte und -gegenstände.

In Straßburg wurde eine Abteilung für Erziehungswissenschaften offiziell im Jahre 1975 an der ULP (Universität Louis Pasteur) und der USHS (Universität für Humanwissenschaften) gegründet. Fünf Jahre später wurde der Fachbereich für Erziehungswissenschaften der Fakultät für Psychologie der Universität Louis Pasteur untergeordnet, bevor er 2010 schließlich eine eigenständige Fakultät an der Universität von Straßburg bildete.

Schlüsseldaten

1887 Henri Marion, erster Professor für Erziehungswissenschaft in Frankreich
1914-1918

Abschaffung der Lehrstühle für Erziehungswissenschaft während des Krieges

1920

Eröffnung eines Instituts für Pädagogik an der Fakultät für Geisteswissenschaften der Pariser Universität Sorbonne

1964 Erster Lehrstuhl für Psychopädagogik in Straßburg
1967 Einführung des Studienfachs „Erziehungswissenschaften“ in Frankreich als 70. Fakultät des Conseil National des Universités (Französischer Universitätsrat)
1987 Einrichtung einer gemeinsamen Forschungsgruppe, dem CRIRID (interuniversitäres Zentrum für fächerübergreifende didaktische Forschung), an der Universität Louis Pasteur und der Universität für Human- und Sozialwissenschaften in Straßburg
1988 Schaffung des ersten unabhängigen Fachbereichs für Erziehungswissenschaften in Frankreich: des ISPEF in Lyon (Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaften und entsprechende Praktiken)
1994 Gründung des LSE (Labor für Erziehungswissenschaften) an der Universität Louis Pasteur in Straßburg
2005 Gründung des LISEC (Interuniversitäres Labor für Erziehungs- und Kommunikationswissenschaften) an der Universität Louis Pasteur in Straßburg
2009 Gründung der Universität von Straßburg
2010 Einweihung der Fakultät für Erziehungswissenschaften (FSE) in Straßburg

 

Einige Persönlichkeiten Straßburgs

Die Entwicklung der Erziehungswissenschaften wurde von vielen geprägt und kontinuierlich gefördert. Durch diese Zeilen möchten wir die Verdienste zweier Persönlichkeiten aus Straßburg würdigen:

Maurice Debesse et Olivier Reboul.

Maurice Debesse (1903 – 1998)

Sein Interesse für die Pädagogik wurde während des ersten Weltkriegs geweckt, als er noch als kleiner Schuljunge auf seiner Schule zum Betreuer ernannt wurde. Zu dieser Zeit wurden alle Grundschullehrer für den Krieg mobil gemacht.

Während seines Studiums an der Pariser Universität Sorbonne begegnete Maurice Debesse brillanten Köpfen, darunter auch: Henri Wallon (Philosoph und später auch Arzt und Psychologe) oder auch Paul Fauconnet (Psychologie- und Pädagogikprofessor und ehemaliger Schüler von Émile Durkheim). Diese Begegnungen scheinen den Grundstein für sein wissenschaftliches Interesse für bestimmte Themen gelegt zu haben. Er verfasste zwei Thesen über das Thema „Jugend“: „La crise d’originalité juvénile“ und „Comment étudier les adolescents? Examen des confidences juvéniles.“

Seine Karriere begann 1945 an der Universität von Straßburg, wo er bis 1956 einen Posten als Professor für pädagogische Psychologie innehatte. Er zeichnete sich durch seine großen Kenntnisse in der Philosophie und seine wissenschaftlichen Anforderungen aus. Des Weiteren trat er als Psychopädagoge auf, für den nichts schicksalsbedingt war. Für Maurice Debesse „erschafft nicht die Erziehung den Menschen, sondern sie hilft ihm, sich selbst zu erschaffen“.

Es ist zum Teil ihm zu verdanken, dass die Erziehungswissenschaften in der französischen universitären Landschaft Einzug erhielten. Im Jahre 1967 wurde er zusammen mit Jean Château und Gaston Mialaret zum ersten Mal mit der Organisation eines Studiengangs für Erziehungswissenschaften im französischen Universitätsbereich betraut.

Einige seiner Publikationen:

- Debesse, M. & Mialaret, G. (1974). Traité des sciences pédagogiques: 6 aspects sociaux de l’Éducation. Paris: PUF – Abhandlung über pädagogische Wissenschaften: 6 soziale Aspekte der Erziehung

- Debesse, M. (1956). Les étapes de l’éducation. Paris: PUF – Die einzelnen Abschnitte der Erziehung

- Debesse, M. (1942). L’adolescence. Paris: PUF – Die Jugend

Olivier Reboul (1925 – 1992)

“Erziehung heißt lernen, Mensch zu sein” sagte dieser große Experte für den Philosophen Alain. Eigentlich fasst diese Aussage die Denkweise Olivier Rebouls treffend zusammen, denn für ihn spielten Werte eine zentrale Rolle. Für ihn hat die Schule die Aufgabe, Wissen zu vermitteln und die Bürger von morgen zu formen – Bürger, die eigenständig denken und handeln können. Indem er den Konstruktivismus nach Piaget und das Ideal nach Sokrates miteinander verknüpfte, hauchte er den philosophischen Grundlagen des Denkens, die die Indoktrinierung und die Ideologie aus Überzeugung ablehnen, eine neue Jugendlichkeit ein.

Nachdem er zuerst an der Universität von Tunis und später an der Universität von Montréal doziert hatte, erhielt Olivier Reboul einen Posten als Professor an der Universität für Humanwissenschaften in Straßburg. Dort unterrichtete er bis 1992.

Einige seiner Publikationen:

- Reboul, O. (1992). Les valeurs de l’éducation. Paris: PUF – Die Werte der Erziehung

- Reboul, O. (1980). Qu’est-ce qu’apprendre? Pour une philosophie de l’enseignement. Paris: PUF – Was bedeutet lernen? Für eine Philosophie des Lehrens

- Reboul, O. (1971). La philosophie de l’éducation. Paris: PUF – Die Philosophie der Erziehung